Startseite
Heinrich Löhr
Vollständiger Name: Heinrich Christoph Löhr.
(In Eilenstedt wurde der Name oft plattdeutsch ausgesprochen; ,,Heinrich
Lähr".)
geb.: 18.08.1850 in Eilenstedt
gest.: 18.02.1917 in Eilenstedt
Aufgeschrieben 1999 von seinem Großenkel Karl Heinz Bäreke
und ergänzt von seinem Großenkel Dieter Schäfer.
Die folgenden Ausführungen beruhen auf Erzählungen der Großmutter
des Autors, Anna Bäreke, geb. Löhr, der Tochter des Heinrich
Löhr (ergänzt durch Erinnerungen von Dieters Mutter Hilde, Enkelin
von Heinrich Löhr.). |
handkolorierte Postkarte, Verl. Carl Bäreke,
Eilenstedt |
Heinrich Löhr war gelernter Maurer. Er soll jedoch auch einmal Interesse
an dem Fleischerberuf gehabt haben und hat deshalb bei seinem älteren
Bruder, der in Gröningen eine Fleischerei betrieb, eine Ausbildung
(welcher Art diese war, ist mir nicht bekannt) begonnen. Diese Ausbildung
hat er jedoch aus folgendem Grunde abgebrochen: Sein Bruder wurde, als
der Krieg 1870/71 ausbrach, eingezogen. Dessen Frau führte das Geschäft
weiter, wobei ihr Heinrich Löhr, ihr junger Schwager, zur Seite stehen
sollte. Doch die Fleischersfrau war mit den Leistungen des jungen Heinrich
Löhr nicht zufrieden; er soll insbesondere beim Einkauf des Schlachtvieh
wenig Geschick bewiesen haben. Heinrich Löhr jedoch behauptete, bei
dem Handel sei aufgrund der kriegsbedingt angespannten Versorgungslage
nicht mehr drin gewesen.
Es kam zu einem Zerwürfnis zwischen den beiden und Heinrich Löhr
lieh sich eine Schubkarre, lud seine Habseligkeiten auf, schob damit nach
Eilenstedt und brachte (sicherlich an einem späteren Tag) die Karre
zurück. Die Entfernung Gröningen - Eilenstedt beträgt ca.
15 km, die hin und zurück zu Fuß bewältigt werden mußte.
Übrigens muß er sich jedoch bald wieder mit seinem Bruder und
dessen Frau ausgesöhnt haben; denn verschiedene seiner Kinder (unter
anderem meine Großmutter Anna Bäreke) waren zum Teil auch längerfristig
bei dem kinderlosen Ehepaar in Gröningen zu Gast.
| Es heißt, Heinrich Löhr hätte nach seiner Tätigkeit
in Gröningen erst seine Lehre als Maurer begonnen. Das ist jedoch
unwahrscheinlich; denn, da es zu Kriegsbeginn 1870 zum Zerwürfnis
mit seiner Schwägerin kam, hätte er zu Beginn seiner Lehre schon
ein Alter von 20 Jahren gehabt, und hätte schon eine komplette Ausbildung
hinter sich haben müssen. Vielleicht hatte er nicht einmal eine richtige
Lehre, sondern sich all seine Fertigkeiten selbst angeeignet. Außerdem
ist verwunderlich, daß sein älterer Bruder, der verheiratet
war und eine Fleischerei betrieb, 1870 zum Wehrdienst gezogen wurde und
nicht der 20-jährige ledige Heinrich Löhr. |
Christine Justine Löhr, (1895)
geb. 10.6.1851 in Wulferstedt
gest. 0.6.1926 in Gunsleben |
Christoph Heinrich Löhr (1895)
verheiratet seit 13.10.1872 mit
Christine Löhr, geb. Angenstein |
Es ist sehr wahrscheinlich, daß es sich bei dem erwähnten Kriege
gar nicht um den von 1870/71 (von dem Großmutter Anna erzählte)
sondern um die preußisch-östereichischen Kämpfe von 1866
handelte.
Der Handwerker Heinrich Löhr
Von Gröningen zurückgekehrt war Heinrich Löhr als Maurer
tätig und soll als solcher recht gut gewesen sein. Wenn sein Arbeitgeber
von einem Kunden einem Auftrag bekam, soll des öfteren gesagt
worden sein: ,,Schicke uns man Heinrich Lähr!". In den Wintermonaten
arbeitete er als Saisonarbeiter in der Zuckerfabrik Eilenstedts.
Die Zuckerfabrik betrieb ca. 1 km nordöstlich vom Dorf in der
als ,,Rothen" bezeichneten Feldmark an einem Bach ein dampfbetriebenes
Pumpwerk. Dort war Heinrich Löhr Pumpenwärter. Er hatte zu heizen
und auf Pfeifsignale der Fabrik hin die Pumpe in bzw. außer Betrieb
zu setzen.
Sein Essen wurde ihm von einem seiner Familienangehörigen zur
Arbeitsstelle gebracht. Eines Tages brachte ihm sein Sohn Heinrich (bereits
als Kind gestorben) das Essen und tobte, während der Alte speiste,
draußen herum. Dabei stürzte er in einen Haufen noch glühender
Asche und soll sich relativ starke Brandverletzungen am Knie zugezogen
und seine Eltern in großeAufregung versetzt haben.
| Heinrich Löhr nutzte die Wartezeiten an der Pumpe
zu Schnitzereien und dem Biegen von Stöcken. So mancher, der einen
gut gewachsenen Stock im Wald fand, schnitt ihn ab und brachte ihn dem
Heinrich Löhr, damit er einen Gehstock daraus mache. Sicher
war es der Abdampf der Maschine, der die Möglichkeit bot, Holzstöcke
zu biegen. Diese Nebentätigkeit brachte dem Heinrich Löhr den
Namen ,,Stock-Lähr" ein.
Heinrich wird Kaufmann
Einst war Heinrich Löhr mit Maurerarbeiten bei einem Kaufmann
beschäftigt und hatte Gelegenheit, diesem beim Brennen von Kaffeebohnen
zu beobachten. Früher wurde der Kaffee noch ungebrannt gehandelt;
das Brennen machte der Endverbraucher selbst zumeist in der Bratpfanne.
In der Zeit des Heinrich Löhr hatten bereits die kleinen Kaufleute
diese Arbeit übernommen und sich entsprechende Geräte angeschafft.
Die Tätigkeit des Kaffeebrennens hat dem Maurer imponiert, und
er soll danach auch bald zu Hause berichtet haben, daß er dieses
und überhaupt das Handeltreiben auch könne. Und er baute alsbald
einen Laden in sein Haus "Am Backteiche" im Dorfzentrum ein und wurde Geschäftsmann.
Leicht soll ihm dieser Wandel nicht gefallen sein. |
Fabrikant Heinrich Löhr und Frau Christine
etwa 1895 mit den Kindern
Anna (16.2.1883 -20.2.1960),
Ida (24.6.1886 -4.12.1965)
und Lina (7.9.1889 - 14.8.1969). |
Dazu folgende Episoden:
- Das Geschäft ging in der Anfangszeit nicht gut. Er muß
auch regelrechte Existenzsorgen gehabt haben. Seine Frau hat ihn einst,
als sie unverhofft in die Stube trat, kniend und um Gottes Beistand betend
überrascht. Dabei soll er nur ein lässiger Kirchgänger gewesen
sein und Tischgebete waren sonst nicht seine Sache.
- Der zum Verkauf bestimmte Kaffe wurde in einer über einem Feuer
sich drehenden Trommel gebrannt. Er wurde danach auf ein Sieb getan und
bis zum Erkalten geschüttelt. Dieses Schütteln machte er auf
dem Hofe oder im Garten und zeigte seinem über den Zaum schauenden
Nachbarn sein Produkt. Er war der Meinung dieser müsse vom Duft und
von dem gelungenen Brand beeindruckt sein und nur noch bei ihm Kaffee kaufen.
Doch trat das nicht ein, worüber er sich doch recht geärgert
haben soll.
- Er handelte auch mit Flaschenbier. Es gab zu jener Zeit jedoch noch
keine Patent- oder gar Kronenverschlüsse; die Flaschen waren mit Korken
verschlossen. Aber in manch einem Haushalt existierten auch keine Korkenzieher,
und die Pfandflaschen kamen mit hineingedrücktem Korken zurück.
Heinrich Löhr soll oft unzufrieden über die Arbeit zum Herauspusseln
der Flaschenkorken gewesen sein; aber er nahm die Pfandflaschen zurück
und betrachtete seine Mühe als erforderliche Serviceleistung. In dem
Geschäftshaus war der Wasserverbrauch relativ hoch. Es wurde nicht
nur Wasser im Haushalt gebraucht sondern auch relativ viel im Geschäft.
Da waren Herings-, Gurken- und andere Fässer zu reinigen, auf dem
Hof saßen öfter Leute und tranken sein Bier und da mußte
etwas da sein, um Gläser usw. zu spülen. Das Wasser mußte
jedoch von einer Dorfpumpe herbeigetragen werden, die in 100 - 150 m Entfernung
stand.
- Diese Mühen hat er wohl ganz gut verkraftet, zumal das Geschäft
später auch gut lief. Der Laden muß dann sogar so rentabel gewesen
sein, daß er, als jemand ihm vorschlug, ein weiteres Warensortiment
aufzunehmen, dieses mit der Bemerkung abtat, er habe jetzt genug zum Leben
und wolle dem Carl Bäreke nicht weiter Konkurrenz machen. Und damals
konnte er noch nicht ahnen, daß eine seiner Töchter einmal in
das Geschäft des Carl Bäreke einheiraten wurde.
- Was dem Heinrich Löhr als Kaufmann am wenigsten behagte, war
die Tatsache, daß der einzige Zugang zu seinem Hof durch den Laden
führte; ein Hoftor zur Straße gab es nicht; den Hofeingang hat
er wohl liquidiert, als er seinen Laden einrichtete. Man bedenke, daß
zu jener Zeit auf Dörfern an ein WC noch nicht zu denken war und allein
dadurch zwangsläufig Mist anfiel, der auch entsorgt werden mußte.
Vielleicht hatte er auch ein Stück Land und Vieh. Deshalb verhandelte
er öfter mit seinem Nachbarn, um von diesem ein Stück Gartenland
zu erwerben, damit er sich einem vernünftigen Hofausgang schaffen
könne. Der Nachbar ließ diesbezüglich jedoch nicht mit
sich reden. Heinrichs Nachfolger im Hausbesitz hat dann das nötige
Land erhalten.
Zu den Kindern des Heinrich Löhr:
Seine Frau gebar ihm 8 Kinder. Von den ersten 3 (es waren 2 Mädchen
und ein Junge) ging bereits mindestens schon eines zur Schule, als im Dorf
eine Diphtherieepidemie ausbrach. Innerhalb von 14 Tagen starben alle 3
Kinder den Erstickungstod. Nach dem Tod des ersten und Erkrankung des zweiten
Kindes wurde das dritte zu dem Bruder nach Gröningen geschafft. Doch
auch dieses Kind war bereits infiziert und wurde nach ein paar Tagen wieder
zurück geholt
Anna Löhr, die älteste Tochter. Sie war
die einzige, die dem Vater zeitweise energisch widersprach. |
Links Lina Löhr, die jüngste und lebenslustigste
Tochter, sieht wohl mehr der Mutter ähnlich. Rechts Ida Löhr,
die folgsamste Tochter. |
Nach dem Tod der 3 Kinder kamen noch einmal 2 Töchter zur Welt. Doch
auch diese Kinder starben, wenn auch nicht in so kurzem Abstand.
Ich glaube eines der beiden starb erst, als schon die älteste der
folgenden 3 Töchter, Anna (meine Großmutter), zur Welt gekommen
war. Diese drei zuletzt genannten Töchter konnten großgezogen
werden. Heinrich Löhr muß ein sehr trenger Familienvater
gewesen sein. Und die harte Arbeit, die er leistete, erwartete er auch
von anderen. Er duldete z.B. nicht, daß seine Töchter die Zeitung
lasen. Erwischte er sie dabei, so hat er ihnen umgehend eine Arbeit verschafft
bzw. durch die Mutter zuweisen lassen. Meine Großmutter, seine Tochter
Anna wurde mit 14 Jahren am Sonntag vor Ostern (Palmsonntag oder Palmarum)
konfirmiert; der Tag davor war ihr letzter Schultag; das Osterfest hat
sie jedoch nicht mehr zu Hause begehen dürfen; da hatte er sie bereits
an eine Familie in Halberstadt als Dienstmädchen verdingt. Eine Ausbildung
der Mädchen hielt er für nicht erforderlich. Tochter Anna z.B.
hat sich mit ihm total überworfen, als sie sich nach mehreren Jahren
Dienstmädchenzeit in eigener Regie eine Lehrstelle als Köchin
besorgte. Auch litt er nicht, daß eines der als Dienstmädchen
aus dem Haus gegebenen jungen Damen wegen unzumutbarer Behandlung in den
Ausbeuterfamilien (ich habe von 3 solcher Fälle gehört) die Stellung
wechseln wollte. Anna hat sich zwar doch durchgesetzt, doch kam es dabei
stets zu länger währenden Zerwürfnissen.
Der Unternehmer
Etwa 1892 gab Heinrich Löhr seine Existenz als Kaufmann auf. Er
verkaufte den Laden, der inzwischen zur Goldgrube geworden war. Ein Grund
dafür mag die Misere des fehlenden Hofausganges gewesen sein. Ein
anderer Grund war jedoch der folgende:
Eilenstedt wurde an das Reichsbahnnetz angeschlossen. Und zu einem
Bahnhof, so sagte sich Heinrich Löhr, gehört auch eine Bahnhofsgaststätte,
wenn nicht gar ein Bahnhofshotel.
So verkaufte er kurz entschlossen sein Ladengrundstück in der
Nähe des Backteiches und kaufte sich ein Grundstück in der späteren
Bahnhofstraße am Schützenplatz mit einem daraufstehenden kleinen
alten Haus. Dieses Haus bewohnte er und seine Familie nur während
der Zeit seiner jetzt beginnenden Bautätigkeit. Gleich nebenan ließ
er das 3-stöckige Haus ,,Bahnhofstraße 25a" errichten,
wobei er selbst als Maurer mitwirkte. Dazu folgende Episode:
- Der beauftragte Bauunternehmer mauerte selbst mit. In der Meinung,
Heinrich Löhr sei in der Zeit seines Kaufmanndaseins verweichlicht,
forderte er ihn zu einem Wettbewerb im Mauern auf Der Wettbewerb wurde
über wenige Stunden ausgetragen. Heinrich Löhr hatte gewonnen.
Und nicht nur das. |
Bahnhofstraße 12, 1999 |
Das vom Baumeister hochgezogene Stück hat Heinrich Löhr als Bauherr
der Qualität wegen bemängelt, abbrechen und neu mauern lassen.
Während der Bauphase des Hauses Bahnhofstraße 25a, das
muß in den Jahren 1892-93 gewesen sein, begann in unmittelbarer Nähe
des Bahnhofes ein anderer Hausbau. Bauherr war dort ein gewisser Herr Grasshoff.
Dieser wollte in seinem Bau gleichfalls eine Bahnhofsgaststätte einrichten,
was später auch geschehen ist. Heinrich Löhr erkannte, daß
er allein durch die ungünstigere Lage zum Bahnhof in einem Konkurrenzkampf
mit jenem Grasshoff unterliegen müsse. Er gab sein Vorhaben hinsichtlich
Gaststättenbetrieb auf und errichtete in dem Bau einen Laden. Aber
er verkaufte das Haus sehr bald an einen aus Gröningen stammenden
Verwandten, der alsbald einen Kolonialwaren- und einen Möbelhandel
dort betrieb. Es ahnte damals wohl keiner, daß das Haus 1906 wieder
von der Anna, Tochter des Heinrich Löhr zurückgekauft wurde (Näheres
siehe den Bericht zum Hause Bahnhofstraße 12, früher 25a ).
Jedoch
nach dem Verkauf des Hauses, was 1893 geschehen sein mag, errichtete Heinrich
Löhr zwischen dem Schützenplatz und der Bahnhofsgaststätte
2 Häuser und ein Werkstattgebäude. Beide Häuser 2-stöckig;
das vordere mit Flachdach und Balustraden an den Traufen; daß zweite
mit Satteldach; beide Häuser waren auf der Ostseite mit einem kleinem
Hof und darauf befindlichen Stallgebäude versehen. Das vordere Haus
(das nördliche) bezog er selbst mit seiner Familie.
 |
|
 |
| Die zwei neuen Häuser am Schützenplatz,
etwa 1909. Vor der Tür Anneliese Müller, Annas Tochter und Löhrs
erster Enkel. |
|
Werkstatt mit Hof, westlich der Häuser.
Rechts am Bach das Ensemble mit Springbrunnen. Rechts vorn ein nachgebildeter
Baumstamm aus Beton. |
Das hintere Haus wurde vermietet. Zuerst wohnte seine Tochter Anna Müller
(meine Großmutter) mit ihrem Mann Karl darin, danach seine 2. Tochter
Ida Koch mit ihrem Mann Wilhelm.
Der Fabrikant
Das Werkstattgebäude, westlich der beiden Häuser gelegen,
sowie der zwischen den Häusern und der Werkstatt gelegene Platz, diente
der von nun an betriebenen Zementwarenfabrikation. Der Hof hatte 2 Einfahrten
für Fuhrwerke, beide als steinerne Brücken über den Bach
gebaut. Das Haus neben dem der Bahnhofstraße 12, das er mit seiner
Familie in den Jahren ab 1992 also während seiner Bauphase bewohnte,
wurde nun wieder verkauft. Heinrich Löhr war also Unternehmer
geworden.
Er produzierte Brunnenröhren, Fußbodenfliesen, Grabdenkmäler,
Treppenstufen (zum Teil auch solche aus Terrazzo) und sicher noch andere
Sachen, von denen nichts mehr bekannt ist.. Auch die Balustraden an der
Dachtraufe seines Hauses werden sein Werk gewesen sein.
Die Entdeckung des Beton
Seine Liebe zur Betongestaltung passte zum Aufblühen des neuen
Schwanebecker Zementwerkes. Er hat bei der Gestaltung seiner Produkte eine
große Kunstfertigkeit an den Tag gelegt. Als Beispiel sei hier sein
Grabmal beschrieben, das er zu Lebzeiten selbst gefertigt hatte. Mag es
vielleicht von manch einem als etwas kitschig oder formalistisch angesehen
werden, so zeugte es doch von einer großen handwerklichen Perfektion: |
Goldene Hochzeit von Onkel und Tante Timme
in Schwanebeck 1913 (Bildausschnitt). Tante
Timme war die Schwester Heinrich Löhrs.
Hinten von links: Heinrich Löhr, Anna, Ida, Lina.
Mitte: Christine Löhr |
Das Grab war mit einem ca. 25 cm hohen Betonrahmen eingefaßt.
Auf diesem Rahmen standen 6 Betonsäulen von ca. 15 cm Durchmesser
und 30... 35 cm Höhe (je eine auf jeder Ecke, und auf den Längsseiten
des Grabes je eine in der Mitte). Diese Säulen waren wie Baumstämme
gestaltet. Es waren auf den Stirnflächen die Grenzen zwischen Holz
und Borke sowie die Jahresringe angedeutet. Auf dem Umfang war eine Umrankung
mit Efeu in den Betonstein eingearbeitet. An jedem dieser Stämme befanden
sich aber noch zwei auf den Nachbarstamm zuwachsende ähnlich gestaltete
Aste, die fast waagerecht verliefen, und sich mit denen des Nachbarstammes
trafen. Deren Durchmesser mag nicht mehr als 8 cm betragen haben. Die Stämme
und die Aste bildeten so einen auf Natur getrimmten Betonzaun. Am Kopfende
des Grabes war ein Betonquader (der eigentliche Grabstein) von einer Querschnittsfläche
ca. 40 x 40 cm und einer Höhe von ca. 50 cm innerhalb der Umzäunung
aufgestellt. Dessen Oberfläche hatte Heinrich Löhr wie Bruchsteinmauerwerk
gestaltet. Dieser Quader trug auch die Tafel mit dem Namen und den Daten
des Verstorbenen. Seine Hinterbliebenen hatten noch den Spruch: ,,Müh
und Arbeit war sein Leben, Ruhe hat ihm Gott gegeben" auf die Tafel setzen
lassen. Auf dem Quader stand eine Betonsäule von ca. 1,2 in Höhe,
worauf sich eine Krone befand. Auch an der Säule war eine Efeuumrankung
angedeutet, und die Krone sah so aus, als bestünde sie aus einem Quirl
von 4 Ästen, die fast waagerecht aus einem Stumpf herauswachsen, dann
aber, als umschlössen sie eine Kugel, oben zusammengefügt sind.
Ausbeutung der ganzen Familie
Bei der Fertigung seiner Produkte mußte die gesamte Familie helfen.
Das galt besonders für die Produktion der Fußbodenfliesen. Da
mußte zuerst der Beton in die Formen gegeben werden, dann erfolgte
mit Hilfe von Schablonen die farbliche Gestaltung, die Fliese war dann
zu pressen, wobei es sich rächte, wenn die Form nicht richtig gefüllt
war.
War in der Form zu wenig Material, so wurde die geforderte Festigkeit
nicht erreicht; war zuviel Material in der Form, so bestand die Gefahr,
daß ein Hebel oder der Stempel der Presse zu Bruch ging.
Waren die Fliesen dann ausgehärtet, mußten mit verdünnter
Salzsäure die Kalkausblühungen von der farblich gestalteten Oberfläche
entfernt werden. Dieses Reinigen war vorwiegend Sache der Frauen und meine
Großmutter berichtete, daß alle des öfteren über
zerfressene Hände klagten, weil sich der Kontakt mit der Haut nicht
immer vermeiden ließ. |
 |
Dieses Reinigen war vorwiegend Sache der Frauen und die Töchter
erzählten ihren Enkeln noch, daß alle des öfteren über
zerfressene Hände klagten, weil sich der Kontakt mit der Haut nicht
immer vermeiden ließ.
Die Zementfliesen waren unverwüstlich, die farbige Nutzschicht
war nicht so hart wie bei gebrannten Fliesen, dafür aber dicker.
Abmessung der Platte: 20 x 20 x 2,5 cm
Gewicht:
ca. 2 kg
farbige Nutzschicht: 5 bis 10 mm |
 |
| Das nebenstehende Bild eines Bruchstückes lässt ahnen, welche
Fertigkeit für die Produktion nötig war. 20 Platten, die ca.
70 Jahre in einer Futterküche lagen, sind in gutem Zustand im Familienbesitz.
In den umliegenden Dörfern und Kleistädten gibt es sicher noch
derartige Fußböden. In Eilenstedt selber weiß heute
kaum einer noch etwas von Heinrich Löhrs Fußbodenfliesen. Welches
Museum interessiert sich dafür ? |
 |
Aber auch seine Schwiegersöhne wurden in das Geschehen mit eingespannt.
Diese hatten vorwiegend Beton zu mischen und in die Formen zu stampfen.
Sie bekamen dann am Abend vorgehalten, daß ein anderer bei Heinrich
Löhr angestellter Arbeiter, der von Kindheit an körperlich schwere
Arbeit gewöhnt war, mehr geschafft hatte als sie. Die Schwiegersöhne
mußten auch die Buchführung machen und waren für den Außendienst
zuständig; das heißt, wenn in der Zeitung eine Todesanzeige
erschien, so mußten sie die Hinterbliebenen aufsuchen und versuchen
den Auftrag für den Grabstein und die Grabeinfassung zu bekommen.
Dazu gehörte Fingerspitzengefühl; denn kam man zu früh,
also in der Phase tiefster Trauer, so waren die potentiellen Kunden brüskiert
und erteilten keinen Auftrag, kam man zu spät, so war die Konkurrenz
schon dort gewesen.
 |
 |
 |
Bernhard Völkel, Berufssoldat,
heiratete Lina Löhr im Weltkrieg. |
Wilhelm Koch, erster Ehemann von Ida
Löhr. Gefallen 24.3.1915 bei Metz. |
Karl Müller, erster Ehemann von
Anna.
Starb 1917 als Soldat am Gehirntumor
im Lazarett Quedlinburg. |
Die Arbeit bei Heinrich Löhr muß hart und wenig erfreulich gewesen
sein.
Der Großvater des Autors, also sein Schwiegersohn Heinrich Müller
suchte sich dann auch in den Jahren 1906/07 schnell etwas anderes. Er kaufte
das Haus ,,Bahnhofstraße 12" von dem Gröninger Verwandten
zurück (der war mit seinem Laden annähernd Pleite gegangen) und
begann dort seinem gelernten Beruf entsprechend einen Handel mit Lebensmittel
und mit Möbeln.
Darauf übernahm Idas Mann Wilhelm Koch, der Schwager von Karl
und Anna Müller, die fälligen Arbeiten bei Heinrich Löhr.
Aber auch der blieb nicht lange dort und machte sich gleichfalls
selbständig. Er erwarb ein Geschäft in Gunsleben, ca. 10 km von
Eilenstedt entfernt.
Seinen 3. Schwiegersohn, den Bernhard Völkel, einen 12-ender Soldat
und Spieß, konnte Heinrich Löhr nicht als Arbeitnehmer binden;
er mußte fortan den Betrieb allein führen.
Das hätte er mit Kriegsbeginn 1914 ohnehin tun müssen; denn
dann zogen alle drei Schwiegersöhne ins Feld, (zwei davon haben den
Krieg auch nicht überlebt)
Der Erfinder Heinrich Löhr
Sorgen hat dem alten Herrn auch die Presse gemacht, mit der er seine
Fußbodenfliesen fertigte. Wegen einer überfüllten Form
ging einmal (oder gar mehrmals) ein Teil der Presse zu Bruch. Natürlich
waren dann Leute schuld, weil sie die Presse nicht gefühlvoll genug
bedient hätten. Sein Nachbar H. Berkling fragte ihn einmal, wie lange
er denn seine eigene Frau noch schinden wolle? Das veranlaßte ihn,
einen Vorschlag zur konstruktiven Änderung der Presse zu machen und
zum Patent einzureichen. Das Patent hat ihm jedoch keine Einnahmen in Form
von Nutzungsgebühren eingebracht; er mußte im Gegenteil nur
seine Schutzgebühren bezahlen. Es ist auch zu bezweifeln, daß
an seiner eigenen Presse etwas geändert wurde. |
 |
 |
|
Patent Nr. 137645
an Kniehebel |
Druckregelungsvorrichtung
pressen, 1902 |
Der Künstler
Es wurde schon berichtet, daß Heinrich Löhr künstlerische
Fähigkeiten besaß.
Diese war nicht nur an seinen aus Beton gefertigten Produkten zu erkennen,
sondern auch an seinen Schnitzereien. Es ist schon gesagt worden, daß
er Gehstöcke bog; er hat auch deren Köpfe mit Schnitzwerk versehen.
Er wagte sich auch an größere Aufgaben. Dazu folgende Beispiele:
- Der Autor kennt persönlich 2 Garderobenständer, die von
ihm gestaltet wurden. Der eine wurde später von seinen Eltern entsorgt,
da er durch Wurmfraß zerfallen war, den anderen hat er einige Male
bei einer Eilenstedter Familie noch in Gebrauch gesehen. Diese Ständer
bestanden aus einer hölzernen Mittelsäule, die wie ein efeuumwachsener
Stamm gestaltet war. Gegen Umkippen war der Stamm durch 3 Füchse gesichert,
die mit den Hinterbeinen auf dem Fußboden standen und die Vorderbeine
gegen den Stamm stemmten, so als wollten sie gern den Stamm erklettern.
Der Grund für die Haltung der Füchse war ein geschnitztes Eichhörnchen,
daß oben auf der Spitze des Stammes saß. Seine Kleider konnte
man an eingelassenen kleinen Ästen von 15... 20 cm Länge, die
sich in 2 Ebenen befanden, aufhängen.
| - Sehr bekannt ist ein hölzerner Sessel, der mindestens 50 Jahre
in Gunsleben im Kontor des Ladens in Gunsleben stand und täglich benutzt
wurde. Dessen Füße sind wie menschliche Beine, die in Stiefeln
steckten, gestaltet. Die Rücken- und Armlehne ist wie eine Schlange
mit einem Kopf an jedem Ende gearbeitet. Als weitere Verzierung sind noch
zwei Tierfiguren unter der Lehne am Rande der Sitzfläche angebracht.
Er steht jetzt bei Henning Schaper in Oschersleben, einem Urenkel
von Heinrich Löhr. |
- Auch hat Heinrich Löhr neben anderen nicht bekannten Werken
einmal ein Schaukelpferd für seinen Enkel Kurt Koch gefertigt. Er
hat sich dieses dann auf den Rücken gebunden und ist morgens um 6
Uhr mit dem Rad nach Gunsleben gefahren, um es seinem Enkel zum Geburtstag
zu schenken. Um 8 Uhr war er schon wieder in Eilenstedt im Geschäft.
Nach Beschreibung von Kurts Schwester Hilde war das Schaukelpferd sehr
naturgetreu geschnitzt, ziemlich groß und stabil. Später hat
es die kleine Schwester Elfriede "in Dutten geritten", einen Überschlag
rückwärts und einen Ritt gegen die Pumpe hat es nicht überlebt.
-
| Ob Heinrich Löhr ein Sänger war, ist mir nicht bekannt.
Als aber einst in Eilenstedt ein Sängerfest veranstaltet wurde, zu
dem auch viele auswärtige Sänger erwartet wurden, hat er zu deren
Begrüßung folgendes unternommen: Vor seinem Hause, an dem die
Sänger von Bahnhof aus vorbeikommen mußten, errichtete er ein
kleines Wasserbecken mit einem kleinen Springbrunnen. Dort hinein setzte
er einige Zierfische und stellte ein Schild auf mit der selbst verfaßten
Inschrift: ,,Wie des Fischleins Flut so rein soll'n heute Eure Lieder sein".Der
Springbrunnen wurde von einem Wasserbehälter gespeist, den er auf
dem Hausdach aufgestellt hatte. Wie er das Wasser dort hinauf bekam, ist
nicht bekannt. Immerhin waren Pumpen damals noch relativ rar. Springbrunnen
und Teich bestanden aus Beton und waren mit Schneckenhäusern und Muscheln
verziert. Ein Fuchs und ein Hirsch aus Zement standen rechts und links.
Zwei Säulen mit Obelisken rundeten das Ensemble ab. Fuchs, Hirsch
und Springbrunnensäule standen bis etwa 1980 im Gunslebener Hausgarten. |
 |
-Er soll aus einem anderen Anlaß schon einmal kleine Gedichte
verfaßt haben. Das war, als innerhalb kurzer Zeit 3 seiner
Kinder starben, worüber schon berichtet wurde. Aus diesem Anlaß
fertigte er ein Schaukästchen, in dem er von jedem Kind ein Andenken
(eine Locke oder Ähnliches) und für jedes Kind ein selbstverfaßtes
kleineres Gedicht ausstellte. Großmutter Anna konnte sich noch an
den in der Stube hängenden Schaukasten erinnern und einige Zeilen
der Gedichte zitieren.Die beiden Wohnhäuser sind verkauft worden;
eines an einen Obstbauern namens Drieselmann, das andere an die Gemeindeverwaltung
Eilenstedt. Als Gemeindeverwaltung wurde das Gebäude auch noch
im Jahre 1980 genutzt. Zur Zeit befindet sich das Bürgermeisteramt
jedoch an anderer Stelle. Das Löhrsche Gebäude wird als Wohnung
genutzt. Auch die ehemalige Werkstatt des Heinrich Löhr wurde zu einem
Wohnhaus umgebaut.
Heinrich Löhr war vor seinem Tode an das Bett gefesselt und starb
schließlich an Lungenentzündung. |
Das Löhrsche Haus als Gemeindeamt etwa
1940 |
1999 mit Hilde Schäfer |
Die Löhrschen Häuser heute,
2002 mit Hilde und Sohn Gerd
|
Heinrich Löhr,
18. Aug. 1850 - 19. Febr. 1917
Müh und Arbeit war sein Leben,
Ruhe hat ihm Gott gegeben" |
siehe auch: , Kulturbund
Wittenberg e.V. , Kulturbund
Sachsen/Anhalt , Umweltlaboratorium
Hydrolab , igelratgeber
, chemikalien-service
, meidet
Hochvolthalogenlampen!