| VON CLAUDIA LASSLOP
WITTENBERG/MZ - 90 Jahre alt wäre der Künstler
Richard Tietze im Dezember 2010 geworden. Zu diesem Anlass wollte Hannelore
Walde die Werke ihres Vaters beim Kulturbund in Wittenberg ausstellen.
Durch dessen Umzug vor einem Jahr hatte sich das Vorhaben verzögert.
Nun sind die Grafiken, Gemälde und Schnitte von Richard Tietze in
den Räumen in der Wittenberger Lutherstraße ausgestellt.
„Manche
Werke hätte
mein Vater nicht
ausgewählt."
Hannelore Walde
Tochter von Richard Tietze
Geboren 1920 im niederschlesi-schen Gremsdorf, machte
Richard Tietze zunächst eine Lehre als Schlosser und technischer Zeichner,
studierte später Berufsschulpädagogik und Maschinenbau und war
bis 1968 Berufsschullehrer. „Nach einem schweren Herzinfarkt mit 45 Jahren
wendete er sich verstärkt seinem Hobby, der Malerei, zu, Aquarellieren
und Öl. Später hat er sich dann mehr auf die grafischen Arbeiten
konzentriert", erzählt Hannelore Walde über ihren Vater, den
Künstler. |
Gerade diese Grafiken, Holz- und Linolschnitte sowie
Radierungen sind bis heute typische und bekannte Motive der Lutherstadt,
die meisten in Schwarz-Weiß, einige in Farbe. Die Schnitte rufen
bei Hannelore Walde ganz persönliche Erinnerungen wach: „Er hat abends
am Schreibtisch gesessen, geschnitten und die Linolschnipsel rumgeschnipst",
erzählt sie lachend. Auch über die Schwierigkeiten, überhaupt
das notwendige Material zu bekommen, kann sie heute lächelnd sprechen:
„Zu DDR-Zeiten gab es ja kein Material, heute macht man den Katalog auf
und bestellt Holz- und Linoleumplatten."
Nachdem Tietze nicht mehr als Lehrer arbeiten konnte,
widmete er sich ganz seiner Kunst, begann 1978 ein Malerei- und Grafikstudium
in Halle und leitete in Wittenberg Mal- und Zeichenzirkel. Einige Besucher
der Ausstellungseröffnung konnten sich an eben diese Zirkel noch gut
erinnern.
Die Auswahl der Arbeiten, die bis Mai in zwei Räumen
des Kulturbundes zu sehen sind, fiel Hannelore Walde schwer, obwohl sie
bei ihrer Arbeit im Kunst- und Kulturverein Kemberg nicht selten Ausstellungen
macht. Allein aufgrund der Fläche musste sie auswählen. In einem
Raum sind nun die Grafiken versammelt, im anderen die Malereien. Die Aufteilung
wurde |
auch vom Ausstellungsraum selbst inspiriert:
„Ich habe die Bilder aus dem Blickwinkel eines Betrachters
ausgewählt, der malen lernt." Und da, wo jetzt die Aquarelle von Richard
Tietze hängen, kommt jeden Dienstag der Malzirkel des Kulturbundes
zusammen.
Der farbige Teil der Werke gefällt Walde selbst
am besten. Einer ihrer Favoriten: Eine Monotypie, bei der Farbe auf Glas
gespachtelt und damit anschließend ein einziger Abdruck gemacht wurde.
„Für mich war er der Maler, für andere der Grafiker." Auch die
Darstellungen von Winterlandschaften gehören zu ihren Lieblingen:
„Winter ist schwer zu malen, weil so viel weiß ist. Und dann soll
das trotzdem leben." Ihrem Vater, der 1992 gestorben ist, sei das gelungen.
Wobei sie vermutet, dass er die Ausstellung anders gestaltet hätte:
„Manche Werke hätte er wahrscheinlich nicht ausgewählt, hätte
sie nicht perfekt genug gefunden."
Dass ein Schreiber viel schreiben kann, aber nur ein
Maler die Dinge richtig festhält, heißt es später zur Eröffnung
der Ausstellung. Bis Mai sind die Werke Richard Tietzes beim Kulturbund
zu sehen.
O| Die Ausstellung in der Wittenberger Lutherstraße
43a ist jeden Dienstag zwischen 10 und 14 Uhr geöffnet, außerdem
während der Abendveranstaltungen und nach Vereinbarung. |